Schwertransporte – Hegmann Transit, Sonsbeck

Einfach rauf und runter

Wenn der Logistiker Hegmann Transit Straßenbahn fährt, sind Auflagen im Spiel. Dafür hat der Schwertransport das Zeug für großes Kino. Die Goldene Regel für Erfolg? Professionelle Planung, akkurate Durchführung und viel Erfahrung.

Eigentlich geht ÖPNV mit der Straßenbahn ganz einfach. Der Fahrgast löst ein Ticket, steigt ein und ab geht die Fahrt. Deutlich anspruchsvoller gerät der Transport, wenn die Straßenbahn selbst der Fahrgast ist. Das kommt zum Beispiel vor, wenn eine Instandsetzung den Aufenthalt im Ausbesserungswerk nötig macht. Wie aber gelangt die Bahn in die Werkstatt, wenn sich die Adresse rund 80 Kilometer vom Einsatzort entfernt befindet? Braucht das Transportmittel ein Transportmittel, wird aus dem Öffentlichen Personennahverkehr ein Schwerlastverkehr. Die Bahn reist dann Huckepack auf einem Auflieger durch Stadt und Land. Ein Experte dafür ist der Logistiker Hegmann Transit im nordrhein-westfälischen Sonsbeck, einer Gemeinde am unteren Niederrhein, rund 60 Kilometer von Düsseldorf entfernt. Das Credo des 1920 gegründeten und in der dritten Generation von der Familie Tietz geführten Unternehmens: „Wir leben Schwertransporte.“

Gefragt sind vernünftige Planung und professionelle Vorbereitung

In der Disposition ist Jan Schwittek der Mann für knifflige Transportaufgaben. Den letzten Straßenbahntransport hat der Speditionskaufmann vor ein paar Monaten über die Bühne gebracht. Ein Hochflurwagen vom Typ B 80 D der in den 90er Jahren hergestellten Serie 2300 sollte von Köln nach Aachen transportiert werden. Mit einem Leergewicht von rund 39 Tonnen, einer Länge von knapp 28 Metern, 2,65 Meter Breite und 3,37 Meter Höhe war die Straßenbahn für einen Schwertransport qualifiziert. Schwittek bringen diese Daten kaum ins Schwitzen. Wie der 26-Jährige erklärt, macht es für ihn keinen Unterschied, ob er ein 250-Tonnen-Bauteil für eine Kokserei oder einen Straßenbahntransport auf die Räder stellt. „Voraussetzung für einen erfolgreichen Transport sind vernünftige Planung und professionelle Vorbereitung“, bringt der Disponent seine Erfahrung auf den Punkt.

Zwei Wochen Vorlaufzeit braucht es in Deutschland in der Regel für einen Großraum- oder Schwertransport. Bei Hegmann Transit beginnt ein Projekt mit einer technischen Zeichnung, die das Ladegut im Hinblick auf Abmessungen und Gewichte akkurat beschreibt. Auf dieser Grundlage entwickeln die Schwerlastexperten ihre Planung. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Hardware. „Wir setzen auf flexible und innovative Schwerlasttechnik“, beschreibt der Stellvertretende Technische Leiter David Tietz den Charakter des Fuhrparks, der mit rund 40 ziehenden Einheiten sowie einem reichhaltigen Arsenal an Sattelaufliegern, Semitiefladern, Tiefbetten, Bagger- und Flachbetten, Kesselbrücken und Modulfahrzeugen aufwartet. Auch ein teleskopierbarer Tieflader von Hersteller Faymonville mit einer so genannten Culemeyer-Ausrüstung gehört zum Equipment. In die Ladefläche des Spezialfahrzeugs sind Gleise für Schmalspur (1000 Millimeter) und Regelspur (1435 Millimeter) eingelassen. Damit ist der Sechsachser die perfekte Wahl für den Straßenbahntransport. Das Auf- und Abladen erfolgt mit Hilfe einer hydraulisch betätigten Winde am Zugfahrzeug über eine flache, rund 28 Meter lange Verladerampe. Sie ist für den schnellen Aufbau bereits in handliche Stücke vormontiert und kommt auf einem Vierachs-Semitieflader als Hilfsfahrzeug zum Einsatzort.

Zugfahrzeug und Trailer müssen technisch für den Transport geeignet sein

Für den Transport selbst braucht es wie im ÖPNV ein Ticket zum Nachweis der Berechtigung. Es sind im Wesentlichen zwei Ausnahmegenehmigungen, die eine schwere Fuhre ins Rollen bringen. Zugfahrzeug und Trailer müssen technisch für den Transport geeignet sein (Paragraf 70 StVZO). Zudem muss die Fahrstrecke vom Start zum Zielort passen (Paragraf 29 StVO). Für Großraum- und Schwertransporte steht hierzulande ein effizientes Verfahrensmanagement über das Internet zur Verfügung (VEMAGS). Der Disponent kann die für Fahrzeug, Ladegut und Strecke benötigten Daten am Bildschirm direkt in ein Formular eingeben. Die Verwaltung steuert den Antrag an die zuständigen Stellen ein und erstellt einen digitalen Genehmigungsbescheid. Darin enthalten ist ein Auflagenkatalog, der die exakten Regeln für den Transport festlegt.

„Auch für die Straßenbahnfahrt nach Aachen gab’s diverse Auflagen“, erinnert sich Jan Schwittek. Vorgeschrieben waren unter anderem die Fahrtstrecke, der Beginn der Fahrt ab 22 Uhr, ein Begleitfahrzeug mit dem allgemeinen Gefahrenzeichen „Gefahrstelle“ (Zeichen 101 StVO) sowie Polizeibegleitung im Stadtgebiet. Mit dieser Spezifikation ist der Transport für Hegmann Transit eine vergleichsweise übersichtliche Herausforderung. Andererseits kennt Jan Schwittek die Unwägbarkeiten seiner Branche. „Irgendwas passiert immer“, weiß der Disponent. Das Drehbuch für den Straßenbahntransport?

Der Transport ist bis ins Detail getaktet

48 Stunden vor dem Start meldet Jan Schwittek den Schwertransport bei der Polizei an. Zu diesem Zeitpunkt ist auch der Fahrer des Schwertransports im Bild. Jürgen Lanitz ist ein Profi, der jenes Fingerspitzengefühl fürs Steuer besitzt, das sich frühestens nach zehn bis 15 Jahren Berufspraxis einstellt. Für den 52-Jährigen und den Kollegen mit dem Hilfsfahrzeug beginnt der Transport am festgelegten Tag am Vormittag mit dem Aufbau der Rampe. Gegen Mittag steht die Straßenbahn auf dem Tieflader, festgezurrt nach den Regeln der Ladungssicherung (VDI 2700). Die Polizei trifft kurz vor 22 Uhr am Startpunkt ein. Den Auftakt macht die Kontrolle der Genehmigungen sowie ein Blick auf Fahrzeug und Ladung. Anschließend geht’s mit Blaulicht vom Kölner Stadtteil Ossendorf rund 15 Kilometer zur Autobahnauffahrt Frechen Nord. Ab dort übernimmt Lanitz in Eigenregie. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt über die Autobahn. An der Ausfahrt in Aachen steht ein Streifenwagen der Aachener Polizei, die den Transport die restlichen zweieinhalb Kilometer ans Ziel begleitet. Dort lässt der Pförtner den Transport auf den Betriebshof einfahren. Für Lanitz und den Kollegen ist dann Nachtruhe angesagt. Am nächsten Morgen laden sie die Straßenbahn vom Trailer aufs Gleis im festen Boden. Das Fazit dieses Auftrags für Jan Schwittek? „Keine besonderen Vorkommnisse.“ Insofern war die Straßenbahnfahrt dann doch außergewöhnlich.

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